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Risiken für Kinder von psychisch kranken Eltern frühzeitig erkennen

„Ich musste jede Arbeitsgruppe aufsuchen, um sie an die abschließende Diskussion im Plenum zu erinnern.“ Silke Häger vom Kreis Höxter, Leiterin der Koordinierungsstelle Frühe Hilfen, sah den Arbeitseifer der Teilnehmer als Bestätigung für den Erfolg der zweiten Netzwerkkonferenz Frühe Hilfen. Intensiv wurden die Möglichkeiten von Kooperationen zur Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern erörtert.

„Gerade in der frühen Phase der Kindheit sind Eltern eine sichere Basis für Kinder. Fehlt diese Basis aufgrund psychischer Erkrankungen der Eltern, hat dies Auswirkungen auf die Kinder. Gleichzeitig steigt das Risiko einer Kindesvernachlässigung oder Kindeswohlgefährdung.“ Gerhard Handermann vom Kreis Höxter, Leiter des Fachbereichs Familie, Jugend und Soziales, machte bei seiner Begrüßung zur Netzwerkkonferenz Frühe Hilfen in der Aula der Kreisverwaltung deutlich, wie wichtig es sei, den betroffenen Familien schon früh Unterstützung anzubieten. „Es muss gelingen, bei den Kindern die Gefahr von Verhaltensauffälligkeiten oder gar einer eigenen Erkrankung im weiteren Lebensverlauf zu minimieren. Hier kann die Weiterentwicklung unseres Netzwerkes greifen“, so Handermann.

Die Mitglieder der Steuerungsgruppe „Frühe Hilfen“ freuten sich über die große Resonanz der zweiten Netzwerkkonferenz in der Aula des Kreishauses in Höxter. Unser Foto zeigt von links: Jugendamtsleiter Gerhard Handermann, Alexandra Begoll (Teamleitung Allgemeiner Sozialer Dienst Höxter), Steffani Schröder-Czornik (Leiterin Beratungszentrum Brakel und Sozialpsychiatrischer Dienst), Steffi Werner (donum vitae), Marita Dürdodt (Familienzentrum Borgentreich), Christiane Rutkowski (Familienhebamme), Mechthild Fernhomberg (Schwangerschaftsberatungsstelle Caritas), Beate Knievel-Borauke (Schwangerschaftsberatungsstelle AWO), Netzwerkkoordinatorin Frühe Hilfen Silke Häger, Winnie Melzer (Zahnärztlicher Dienst Kreis Höxter), Margret Thiele (Abteilungsleiterin Beratung von Familien und Jugendlichen), Dr. Annette Faig (Kinder- und Jugendärztlicher Dienst Kreis Höxter) und Kinderarzt Gerhard Broer.

Bereits im vergangenen Herbst hatte Dr. Michael Hipp, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes Hilden, als ausgewiesener Experte für die Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern wichtige Informationen zu dieser Thematik vermittelt. Bei der vom Kreisjugendamt organisierten Fachtagung hatte er die Auswirkungen psychischer Störungen auf die Erziehungskompetenz ebenso beleuchtet wie familiäre Interaktionen, Signale von Bindungsstörungen, Überlastung und damit verbundene Entwicklungsrisiken. „Nach einer kurzen Erinnerung an die dort vorgestellten Thesen wollen wir die Netzwerkkonferenz dazu nutzen, gemeinsam über Konsequenzen für unsere Arbeit im Kreis Höxter nachzudenken“, gab Silke Häger die Richtung vor.

Zunächst machte Steffani Schröder-Czornik, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kreis Höxter, deutlich, wie vielfältig sich das Krankheitsbild präsentieren kann. „Es handelt sich keineswegs bei allen um dieselbe Erkrankung. Manche Patienten leiden unter einer wahnhaften Wirklichkeitsverkennung, andere haben Depressionen oder leben mit Ängsten oder Zwangsvorstellungen bis hin zu Zwangshandlungen. Das zeigt die Vielfalt der Störungsbilder, mit denen wir umgehen müssen“, so Schröder-Czornik. 

Dr. Annette Faig, Ärztin im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst des Kreises Höxter, unterstrich die Problematik, dass es für diese unterschiedlichen psychischen Erkrankungen keine klare „Erkennungsregel“ gebe. „Häufig fallen solche Personen im Alltag zunächst einfach als ‚schwierige Menschen‘ auf, die zum Beispiel ständig gereizt und aggressiv wirken, oder die ständig nörgeln.“ Es sei aber auch möglich, dass sie unangemessen anhänglich würden oder ständig Bestätigung wollten. Andere wären sehr sprunghaft und würden damit unzuverlässig erscheinen, manche könnten sich nie für etwas entscheiden. „So wird schon ganz deutlich, dass der Umgang mit betroffenen Personen zunächst gar nicht an Krankheit denken lässt, sondern einfach anstrengend erscheint“, erläuterte Dr. Faig. „Nicht immer lässt sich eine psychische Erkrankung sofort erkennen.“

Auf der Suche nach Auslösern für solche psychischen Erkrankungen stellte Steffani Schöder-Czornik zunächst fest, dass es sich selten auf eine einzige Ursache festlegen lasse. „Positive Lebensumstände können hier sicher eine gute Schutzwirkung entfalten. Umgekehrt führen schwierige Lebensumstände und insbesondere auch Traumatisierungen dazu, dass es zu psychischen Störungen kommen kann. Auch Medikamente und insbesondere Drogen können hier als Auslöser wirken. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen.“ Doch unabhängig von der Ursache betonte sie die Bedeutung, die eine psychische Erkrankung der Eltern für die Kinder habe. „Kinder sind darauf angewiesen, dass sich jemand verlässlich um sie kümmert, ihnen Zuneigung zeigt und zwar von Beginn an! Kinder dürfen nicht erleben, dass die Bezugsperson wechselhaft ist, einmal Zuneigung zeigt – und im nächsten Moment Ablehnung.“ Es dürfe nicht sein, dass die Bezugsperson, weil sie vielleicht in sich selbst und eigenen Problemen gefangen ist, ihre Ängste, ihren Hunger, Verzweiflung aber auch Freude nicht wahrnehme.

Die Folgen solcher Erlebnisse schilderte Dr. Faig: „Solche Kinder entwickeln oft dauerhaft Angst, weil sie nicht sicher wissen können, ob sie, wenn sie zur Mutter oder zum Vater kommen, angenommen oder weggestoßen werden. Sie haben – auch als ganz kleine Kinder schon, die noch nicht sprechen können – das Gefühl, alles falsch zu machen, ja, sogar selbst falsch zu sein. Das macht traurig, unruhig, es erzeugt Unwohlsein bis hin zu echten Entwicklungsstörungen – und schon gar keinen Mut und Lust, die Welt zu entdecken und zu erobern. Solche Kinder können nicht lernen, anderen zu vertrauen, aber auch nicht lernen, sich selbst zu vertrauen.“

Häufig sei zu beobachten, dass diese Kinder Verhaltensauffälligkeiten in Kindergarten und Schule zeigen, berichtete Dr. Faig. „Umso wichtiger ist es, betroffenen Kindern so früh wie möglich zu helfen. Und natürlich kann man nie nur den Kindern helfen, sondern muss immer versuchen, zunächst den Eltern zu helfen.“ Dies erfordere immer ein Zusammenwirken vieler, ergänzte Steffani Schröder-Czornik. „Hier ist oft extrem viel Geduld gefragt, weil Eltern ja erst einmal die Einsicht brauchen, dass sie Hilfe benötigen.“ 

Deshalb wurde bei der Netzwerkkonferenz in mehreren Arbeitsgruppen intensiv darüber nachgedacht, welche Hilfsmöglichkeit es für Eltern und Kinder gibt, und welche Vernetzungen dazu erforderlich sind. Die zusammengetragenen Ergebnisse werden nun von der Steuerungsgruppe „Frühe Hilfen“ aufgearbeitet. Diese wird zu gegebener Zeit darüber informieren, wie die erarbeiteten Vorschläge umgesetzt werden können.